Welche Wirkung hat das Singen auf das Wohlbefinden?

Yvonne Fontane: Gesundes Singen beruht unter anderem auf dem ausgewogenen Gleichgewicht zwischen Spannung und Entspannung, einem gesunden Mass an Ausschalten des Kopfes und auf dem Loslassen der eigenen Erwartungen und Vorstellungen. Die heilende Kraft des Singens ist wissenschaftlich anerkannt. Wichtige Aspekte sind die soziale Verbundenheit, Lebensfreude und Glücksgefühle. Auch erinnert uns das Singen an ganz natürliche, einfache und urtümliche Vorgänge die wir als Kind intuitiv leben, sie dennoch im Laufe des Lebens verschließen.

Elisabeth Binder, Gymnastiklehrerin und Singleiterin schreibt dazu, dass in den letzten Jahren auch entdeckt wurde, dass der Mensch ein von Grund auf musikalisches Herz hat. Es reagiert auf Schwingungen und Rhythmen und auf Atemwellen. Mit Singen und der damit vertieften Ausatmung unserer Gefühle, Emotionen und der Worte wird eine Vernetzung mit dem Nervensystem herstellt. Das Herz produziert dabei ein eigenes Hormon (ANF), es reguliert Zentren im Gehirn, wirkt sich günstig auf Nieren und Nebennieren und auch auf das Blutgefäss-System aus.

Darüber wirkt sich Singen auch auf weitere Hormone aus. Etwa auf das Noradrenalin, das den Blutdruck und das Liebeshormon Oxytocin reguliert. Diese Wirkstoffe werden beim Singen und Bewegen verstärkt ausgeschüttet. Dies macht verständlich, warum wir die Liebe mit dem Herzen in Verbindung bringen. Es ist nachvollziehbar, dass Rhythmus stampfen, klatschen und singen das Herz-Kreislaufsystem über den Sing-Atemrhythmus aktivieren und diese Hormone auch den übrigen Hormonfluss anregen. Diese Hormone wirken nicht nur auf den Körper sondern unmittelbar auf unser Gehirn und steuern den emotionalen und kognitiven Prozess.

Wie wirkt Gesang auf unsere Emotionen?

Yvonne Fontane: Der Akt des Singens hat sehr positive Auswirkungen auf den Hormonhaushalt, auch bei Amateuren. So werden beispielsweise Endorphine, also Glückshormone ausgeschüttet. Es gibt Studien, die besagen, dass das rhythmische Atmen positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden hat. Das Singen ist ein Vehikel um sich sprach- und wortlos zu verständigen. So werden beispielsweise Ausländer, die in einem Chor singen, ganz selbstverständlich Teil der Gemeinschaft.

Beim Singen verspüren wir eine ruhige Verbundenheit mit unserem körperlichen, emotionalen und seelischen Vorgängen. Das geschieht, weil durch Musik und Gesang das emotionale, für das Gefühl zuständige Gehirn mit dem kognitiven Gehirn wieder vernetzen. So kann Stress, aber auch traumatische Erlebnisse durch unsere Stimme abgebaut werden. Gesundes Singen beruht sich unter anderem auf dem ausgewogenen Gleichgewicht zwischen Spannung und Entspannung, einem gesunden Mass an Ausschalten des Kopfes und auf dem Loslassen der eigenen Erwartungen und Vorstellungen.

Da die Stimmorgane Teil unseres Körpers sind, verändert sich unsere Stimme laufend auch auf Grund von Tagesform, Gesundheit, Gefühlszustand und wachsendem Alter. Es wurde mittlerweile in mehreren wissenschaftlichen Untersuchungen bewiesen, dass sich während des Singens unser Hormonspiegel zu unseren Gunsten verändert.

Wie lassen sich Blockaden lösen?

Yvonne Fontane: Als Sängerin und Gesangslehrerin habe ich ein gutes Ohr und höre, wo die Blockade sitzt. Ich versuche erstmal dem Schüler die Vorgänge, die die Blockaden verursachen und die oft ein Leben lang auf gleiche Art und Weise wiederholt wurden, in sein Bewusstsein zu bringen. Durch gezielte Übungen kann man gemeinsam herausfinden, wo das Problem liegt und anfangen neue Vorgänge für das Singen, Atmen und Sprechen in die Gänge zu bringen.

Ein gutes Körperbewusstsein hilft die Stimme zu befreien, im Sinne von „Unlocking the voice“. Ich entschlüssele welche Sprache der Mensch, der vor mir sitzt oder steht, mit seiner Stimme spricht. Was liegt brach, was derjenige vielleicht hervorholen möchte. Was ist überbeansprucht im Klangbild der Sprechstimme. So gelangt man zu einem volleren Klangbild. Das kann manchmal ganz schön zäh sein und dann kommt plötzlich der Durchbruch, das ist wie ein Hurrikan. Es geht darum ein Gleichgewicht herzustellen, auch indem ich das stärke, was fehlt.

In meinen Gesangsstunden bringe ich das offene Atmen bei, dabei nimmt man ohne Barrieren schnell viel Sauerstoff in der Atemluft auf. Dann geht es darum den Atem effektiv in Stimme umzusetzen.

Reicht allein die Freude am Singen oder ist es sehr wichtig, richtig zu singen, also den richtigen Ton zu treffen?

Yvonne Fontane: Die Freude ist ganz wichtig, das Gefühl, mit der eigenen Stimme etwas ausdrücken zu können, einer Poesie Ausdruck zu verleihen, eine Rolle einzunehmen.

Wenn Menschen die Töne nicht richtig treffen, entsteht oft ein Leistungsdruck und eine Müdigkeit, die das noch verstärken können. Die Konzentration auf den „richtigen“ Ton übermannt den Schüler in dem Fall vollends und es gilt, ihn förmlich abzulenken und damit natürlich auf den Ton zu kommen. Es ist ein Arbeitsprozess, wo es viel darum geht, zu entspannen, den Kopf auszuschalten. Und dann beginnt die Reise, die oft ganz woanders hinführt, als man es sich vorher dachte.